Warum der Holocaust als singulär gilt – eine historische Perspektive

Warum der Holocaust als singulär gilt – eine historische Perspektive

Redaktion

Deutschland

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Bereits während des Holocaust formulierten Zeitzeugen, dass es sich bei der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden um ein historisch einmaliges Verbrechen handelte. Der jüdische Lehrer Abraham Lewin schrieb im Sommer 1942 im Warschauer Ghetto: „Die Geschichte hat niemals eine größere Zerstörung einer ethnischen oder nationalen Bevölkerung gesehen.“ Seine Worte fielen mitten in die „Aktion Reinhardt“, in deren Verlauf Hunderttausende Menschen von Warschau aus in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet wurden.

Lewin verglich das Geschehen mit der Geschichte des Jüdischen Krieges, beschrieben von Flavius Josephus. Doch im Unterschied zu diesem historischen Ereignis erkannte er: Heute würden wehrlose Zivilisten getötet, nicht im Rahmen eines Krieges, sondern durch ein kalt geplantes Mordprogramm.

Vergleiche zur Orientierung – nicht zur Relativierung

Viele der Verfolgten suchten damals historische Parallelen, um das Unfassbare einordnen zu können. Dabei ging es nie um eine Relativierung, sondern um die Erkenntnis, dass das, was sie erlebten, in seiner Grausamkeit und Systematik alles bisher Dagewesene übertraf. So schrieb Chaim Kaplan, ebenfalls Lehrer im Warschauer Ghetto, im Juli 1942: „Die uns aus unserer Geschichte bekannten Erfahrungen gleichen jedoch nicht unserer jetzigen Erfahrung.“ Er betonte den Unterschied zwischen spontaner Gewalt und staatlich organisierter, bürokratischer Vernichtung.

Widerstand als Hoffnungssymbol

Romane wie Franz Werfels „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ über den Völkermord an den Armeniern gaben Hoffnung und Orientierung. Werfel schilderte nicht nur die Verfolgung, sondern auch erfolgreichen Widerstand. Sein Buch wurde im Ghetto heimlich weitergereicht. Auch das zeigt: Die Verfolgten waren sich ihres Schicksals bewusst und versuchten, es historisch zu begreifen – ohne die Einzigartigkeit zu leugnen.

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Das Kriterium der Totalität

Ein zentraler Gedanke, der später die Singularitätsdebatte prägte, wurde bereits 1943 vom sowjetischen Schriftsteller Wassili Grossman benannt: Es ging nicht um Unterdrückung, sondern um völlige Vernichtung. In seinem Bericht „Ukraine ohne Juden“ beschrieb er das Schweigen ganzer Landstriche nach den Massakern. „Es gibt keine Juden in der Ukraine“, schrieb er. Es sei ein Verbrechen, das „wirklich um die Ausrottung eines ganzen Volkes“ ging.

Zeitgenössische internationale Perspektiven

Auch außerhalb der betroffenen jüdischen Gemeinden gab es früh die Einsicht in die Dimension des Verbrechens. Nichtjüdische Widerstandsgruppen und Journalisten – etwa im „Black Book of Polish Jewry“ – bezeichneten die Schoa bereits während des Krieges als das größte Verbrechen in der Menschheitsgeschichte.

Vergleich als Erkenntnisinstrument

Die Frage, ob Vergleiche zulässig sind, wurde damals kaum gestellt – sie waren notwendig, um das Unfassbare überhaupt zu begreifen. Erst durch die Gegenüberstellung mit bekannten historischen Gräueltaten wurde den Betroffenen bewusst, dass sich die systematische Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten grundlegend davon unterschied: Sie war staatlich geplant, technologisch organisiert, von der Vorstellung getragen, ein Volk vollständig zu vernichten.

Warum der Holocaust singulär bleibt

Die Shoah war nicht das einzige Menschheitsverbrechen, aber in ihrer Totalität, in der industriellen Dimension und in ihrem ideologischen Kern war sie beispiellos. Dieser Gedanke wurde nicht erst in den Jahrzehnten nach 1945 entwickelt – er entspringt den Erfahrungen und Analysen der Betroffenen selbst.

Der Vergleich mit anderen Genoziden dient nicht der Relativierung, sondern der Klarheit. Er hilft dabei, das Spezifische jedes einzelnen Verbrechens sichtbar zu machen – und im Fall des Holocausts die radikale Einmaligkeit eines Menschheitsverbrechens zu erkennen, das schon seine Zeitgenossen als beispiellos empfanden.

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